Kann uns der Wald vor dem Burnout schützen?

Allgemein Gesundheit, meine Liebe! Mann, wie geht's Dir?

Das behauptet zumindest der Psychiater Dr. Michael Winterhoff in seinem Buch „Mythos Überforderung – was wir gewinnen, wenn wir uns erwachsen verhalten“*. Was steckt hinter dieser These – und kann uns der Wald tatsächlich vor dem Burnout retten?

Der Burnout wird Rückenschmerzen den Rang ablaufen

Müde, erschöpft, ausgelaugt – so fühlt sich laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung jeder Dritte. Und die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt nach Krankenkassen-Angaben rasant und wird möglicherweise in den nächsten Jahren die Volkskrankheit Rücken überholen.

Doch steckt dahinter nur ein Irrglaube, wie es der Titel des Bestseller-Autors behauptet? Winterhoff stellt klar heraus: Wir werden nicht zu stark gefordert, wir überlasten uns selbst. Und dazu trägt die digitale Revolution erheblich bei: „Wir haben uns von diesem wunderbaren technischen Fortschritt überrollen lassen, weil wir nicht gelernt haben, mit den neuen Medien umzugehen.“ Die Folgen erleben wir an jedem Tag, zu jeder Stunde und an jedem Ort: Menschen, die non-Stopp auf ihr Smartphone starren oder ihre gesamte Freizeit vor dem Computer verbringen.

Der Druck wächst, weil wir mitmachen

„Noch 148713 Mails checken, wer weiß, was mir dann noch passiert…“ – was Tim Bendzko in seinem Song „Nur noch kurz die Welt retten“ ironisiert, ist in vielen Büros längst Alltag. Im Minutentakt ploppen neue e-Mails auf. In den letzten drei Jahren hat sich die Anzahl der Mails um 60 Prozent gesteigert, jeder von uns bekommt im Schnitt 30 pro Tag, ermittelte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Parallel wächst auf Seiten des Senders und Empfängers die Erwartung, schnell zu reagieren. Dazu Winterhoff: „Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass auf vielen Mails, die Sie bekommen, im Betreff Kürzel wie ASAP stehen? ASAP bedeutet: As soon als possible. Wenn wir in einer Umgebung, in der ohnehin ständig Aktionismus herrscht, die Aufmerksamkeit haben wollen, dann müssen wir lauter als die anderen schreien. Auf und ab hüpfen, mit den Armen wedeln und rufen: Hier! Beachte mich! Denn Aktionismus bedeutet auch: Übererregung, ständiger Alarmmodus.“ Die langfristige Schutzfunktion der Psyche beschreibt der Experte so: „Was aber passiert, wenn es 100 super-mega-wichtige ASAP-Mails am Tag sind, die uns die Ohren vollbrüllen? Wenn alles super-wichtig ist, dann ist alles gleich wichtig – und letzten Endes egal.“ Der Mensch resigniert.

Der Fluch der Unterbrechung

Doch die Flut an Mails, Whatsapp-Nachrichten und Facebook-Posts stresst uns nicht nur, er geht auch zu Lasten der Produktivität. Die Informatik-Professorin Gloria Mark von der University of California fand heraus, dass ein Büroangestellter alle 11 Minuten von seiner Arbeit unterbrochen wird, etwa durch Mails oder Telefonate. Nach dieser Unterbrechung sind 8 Minuten notwendig, um sich wieder auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren – im Endeffekt stehen der Person dann nur noch 3 Minuten zur Verfügung bis es das nächste Mal piept oder klingelt. Entsprechend haben wir immer weniger Zeit, Projekte abzuschließen – und fühlen uns irgendwann wie ein Jongleur, der hektisch den Absturz von 20 Bällen zu verhindern versucht. „Wir nehmen unser Leiden wahr, aber wir können die einfachsten Ursachen nicht abstellen. Wir haben keinen Spielraum, Dinge zu durchdenken, und reagieren nur noch, statt zu handeln. Weil wir das Wesentliche nicht vom Unwesentlichen unterschieden können“, erklärt der renommierte Psychiater.

Wenn die Seele SOS funkt

Die Folgen sind dramatisch: „Diese Menschen überleben nur noch, empfinden alles, was auf sie einprasselt , als zu viel“, beschreibt Winterhoff. Ihre Psyche befindet sich dauernd in einem Panikzustand, das Hirn schüttet verstärkt Stresshormone aus – die Situation erscheint für sie hoffnungslos. Oft sind das die ersten Schritte Richtung Burnout. Betroffene isolieren sich dann häufig, leiden unter Schlafstörungen und Angstattacken,  vernachlässigen ihre Sozialkontakte und später oft sich selbst. Männer reagieren nicht selten aggressiv, trinken oder rauchen vermehrt.

Warum Bäume unsere Seele retten

Doch laut dem Psychiater gibt es einen Ausweg: Als Initial-Zündung rät Winterhoff zu einem 5-stündigen Digital-Detox-Ausflug in den Wald und prophezeit bereits im Vorfeld, wie schwer es wird, es mit sich allein auszuhalten. „Nach relativ kurzer Zeit kann Ihre Psyche gar nicht anders, als sich mit sich selbst zu beschäftigen. Endlich ist sie nicht mehr nur nach außen gerichtet, sondern schaut sich selber an. DAS bin ich? Dieses unruhige, getriebene Ich? Plötzlich ist die Erkenntnis da: Ich bin meinen Problemen nicht ausgeliefert; es liegt in meiner Hand mein Leben zu gestalten.“ Auch wissenschaftlich lässt belegen: Wer sich viel in der Natur und speziell mit Bäumen und Pflanzen umgibt, ist körperlich und seelisch schnell wieder im grünen Bereich. Und leidet seltener unter psychischen Problemen, wie einem Burnout. So sinken bereits nach 20 Minuten im Wald die Herzfrequenz, der Blutdruck sowie die Produktion des Stresshormons Cortisol. Amerikanische und niederländische Wissenschaftler fanden zudem heraus, dass Patienten mit Blick auf Bäumen weniger Schmerzmittel benötigen und sich ihr Heilungsprozess beschleunigt. Und in Büros mit Pflanzen leiden Angestellte nachweislich weniger unter Kopfschmerzen. Wie du diese natürlich lindern kannst, erfährst du übrigens hier.

Die Lösung liegt nah –
und ist doch (für viele) unsichtbar

Winterhoff gibt zudem weitere Ratschläge, um dem digitalen Wahnsinn zu entkommen. Sowohl punktuell, als auch generell:

  • Welchen Stellenwert hat die Digitalität in deinem Leben? Empfindest du sie als nützliche Bereicherung oder als energieraubende Last?
  • Wo kannst du im Falle eines negativen Gefühls Grenzen setzen? Führe Smartphone- und e-Mail-Zeiten ein.
  • Überdenke dein Umfeld. Es gibt den so genannten Rückkopplungseffekt: In einer Gruppe von Menschen übertragen sich Stimmungen. Wer sich also ständig mit genervten, überforderten Menschen umgibt, wird selbst hektisch und gereizt. Und steigert damit sein Risiko für einen Burnout.
  • Habe keine Angst vor Fehlentscheidungen. Du wirst immer noch ein günstigeres und besseres Produkt finden in einer Welt ohne zeitliche und räumliche Grenzen. Steh zu einer Entscheidung und mache einen Haken dahinter.
  • Erarbeite ruhige Arbeitsphasen. Denn Stress aktiviert die Ausschüttung des Hormons Kortisol. So können wir im Notfall zwar überleben, weil wir blitzschnell angreifen, flüchten oder uns totstellen können, aber dadurch wird „ein weiter Teile der Großhirnrinde und damit das bewusste Denken abgeschaltet“, warnt Winterhoff.

Dieser Artikel ersetzt keinen Arztbesuch.

* erschienen im Penguin Verlag, 10 Euro.

Bildnachweis: Johannes Plenio / Pixabay

6 thoughts on “Kann uns der Wald vor dem Burnout schützen?”

  1. Anna - 12. April 2018 21:13

    Ab in den Wald!
    Danke, Stephie 🙂

    Antworten
    1. Stephanie - 13. April 2018 7:50

      Absolut richtig! Da sollten wir viel öfter sein ;o)

      Antworten
  2. Evgenia - 10. Mai 2018 21:09

    Liebe Stephie,
    Das habe ich schon immer gedacht. Und jetzt ist es nachweislich bestätigt: der Wald tut einfach gut!
    Danke für viele spannende Themen!
    Evgenia

    Antworten
    1. Stephanie - 10. Mai 2018 23:10

      Liebe Evgenia, oh ja, es ist so schön (gesund) im Wald! Dort kann man gar nicht oft genug sein. Liebe Grüße & schön, dass dir die Themen gefallen, Stephie

      Antworten
  3. Nataliya Jäger - 30. Mai 2019 9:47

    Liebe Stephanie,
    da kann ich nur beipflichten. Seit ein paar Monaten haben wir einen Welpen bekommen und jetzt bin ich einigermaßen dazu „gezwungen“ in den Wald oder auch in den Park zu gehen. Es tut unglaublich gut, zumal mit einem kleinen Welpen, der immer auf einer Entdeckungstour ist, muss man auch mal stehen bleiben und einfach beobachten. Plötzlich sieht man die Bäume wirklich, nimmt die Farben wieder richtig wahr und genießt die Sonnenstrahlen, die durch die Blätter dringen. Man kommt nach Hause wie frisch geboren und da kann man absolut ohne Probleme sogar auf morgendlichen Kaffee verzichten. Vielen Dank für diesen Artikel und für andere sehr schöne Themen in Deinem Blog!
    Nataliya

    Antworten
    1. Stephanie - 30. Mai 2019 10:51

      Liebe Nataliya, vielen lieben Dank für deine positive Rückmeldung – und Glückwunsch zum sicherlich zauberhaften Familienzuwachs! Das ist natürlich ein schöner Grund, öfter in den Wald zu gehen. Viel Freude weiterhin mit Hund & Natur wünscht dir Stephanie

      Antworten

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